19.04.11

Ergreifende „Winterreise“ - Beeindruckender Liederabend am 16.04.2011 mit dem Bariton Benjamin Appl

Es ist alles andere als selbstverständlich, dass in einem Ort mit rund 4000 Einwohnern Franz Schuberts große Liederzyklen in hochkarätiger Besetzung aufgeführt werden können. Zu verdanken ist dies dem bereits mehrmals in Mertingen gastierenden Pianisten Marcelo Amaral und natürlich dem Mertinger Kulturkreis mit Ulrike Hampp-Weigand an der Spitze. Beim letzten Liederabend der Schubert-Reihe faszinierten der Bariton Benjamin Appl und Marcelo Amaral mit einer unter die Haut gehenden Interpretation der „Winterreise“.

Das Werk stellt immense Anforderungen

Dieser Liederzyklus, den Schubert ein Jahr vor seinem Tod vollendete, gilt als Höhepunkt der deutschen Kunstliedschaffens. Sowohl technisch als auch interpretatorisch stellt das Werk, das aus 24 Liedern besteht, immense Anforderungen an den Sänger und den Pianisten.

Es ist die Liebe zu einem Mädchen, das gestorben ist, und der Wanderer, das lyrische Ich, irrt ziel- und hoffnungslos umher, getrieben von Todessehnsucht. Schuberts Vertonung ist daher hauptsächlich in Moll-Tonalität gehalten, nur wenige Stücke wie „Ich träumte von bunten Blumen“ oder der bekannte „Lindenbaum“, der in der romantischen Literatur immer wieder als Symbol von Geborgenheit gesehen wird, stehen in Dur.

Mucksmäuschenstill war es in der Aula der Grundschule, als der junge Bariton Benjamin Appl und der Pianist Marcelo Amaral die ersten Takte von „Fremd bin ich eingezogen“ intonierten.
Verinnerlichend und expressiv interpretierten sie den Liederzyklus und nahmen das Publikum mit auf eine Reise, die von Melancholie und Ausweglosigkeit des Wanderers geprägt ist, ließen die Empfindungen und Gefühle des Reisenden miterleben. Die präzise Artikulation und absolute Stimmbeherrschung des Sängers taten ein Übriges, dass die Zuhörer in den Bann gezogen wurden und eine Interpretation der „Winterreise“ erleben durften, in der Sänger und Pianist zu einer Einheit verschmolzen.

Immer wieder klangliche Variationen

Dabei kosteten die beiden Solisten die gesamte dynamische Palette aus und überraschten immer wieder mit neuen klanglichen Varianten, mal verhalten-melancholisch wie in der „Erstarrung“, mal expressiv-dynamisch wie bei „Es brennt mir unter beiden Sohlen“. Amaral überzeugte dabei auch mit differenziertem Anschlag und einem äußerst farbenreichen Spiel, das die Text ausdeutenden Tonmalereien für die Zuhörer zugänglich machte.
Benjamin Appl unterstütze den Gehalt der Lieder auch durch seine Mimik und Gestik und man konnte als Zuhörer geradezu spüren, wie sehr er in der Musik Schuberts „lebt“. Die Homogenität und Ausdrucksstärke der beiden Künstler ließen diese Interpretation der „Winterreise“ zu einem außergewöhnlichen Hörerlebnis werden.

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