28.03.11

Konzertbesprechung: Die „Schöne Müllerin“ begeistert

John Chest überzeugt mit Schuberts Liederzyklus auf dem Mertinger Podium.

Stücke über Liebe und Schmerz

 

Bariton John Chest und sein Begleiter Marcelo Amaral haben das Publikum zuletzt mit Schuberts Liederzyklus auf dem Mertinger Podium begeistert. Wieder einmal war es ein bemerkenswerter Konzertabend, der den inzwischen zahlreichen Freunden der Mertinger Bühne geboten wurde und der diesem Podium mehr als zur Ehre gereichte: Dem jungen amerikanischen Bariton John Chest und seinem brasilianischen Klavierbegleiter Marcelo Amaral gehörte die Sympathie der Zuhörer.

Mit langem, stehendem Applaus dankte das Publikum den beiden Künstlern für eine sehr eigenständige, deshalb umso authentischer wirkende Interpretation der „Schönen Müllerin“, dieses hochromantischen, berühmten Schubert’schen Liedzyklus (op. 25, D 795), der im Jahre 1823 entstanden war. Für John Chest, einem „Barihunk“ der Oper, war diese Aufführung – nach eigenem Bekunden – eine Premiere, führte er doch erstmals diesen Liedzyklus in einem öffentlichen Konzert auf.

Die Reife seines Vortrags überraschte, sein wandlungsfähiger Bariton begeisterte, seine Interpretation der romantischen Gefühlswelt der dem Liederzyklus zugrunde liegenden Müller’schen Dichtung überzeugte und so wundert es nicht, dass ihm und seinem feinsinnigen Begleiter Marcelo Amaral eine sehr ansprechende, ja bewegende Darstellung dieser Liednovelle gelang. Der Inhalt ist typisch romantisch, aus heutiger Sicht trivial: Ein einfacher Müllergeselle kommt auf seiner Wanderung an eine Mühle, verliebt sich in die schöne, junge Müllerstochter.

Die Liebe und das Leid als Thema

Sie aber spielt mit ihm, macht ihm Hoffnung, obwohl sie einen Jäger liebt, damals die Verkörperung des männlichen Idealtyps der romantischen Gesellschaft. Als der Müller seine Liebe nicht erwidert sieht, ertränkt er sich im Mühlbach, dabei hoffend, dass die schöne Müllerin, wenn sie dereinst an seinem Grab vorbei geht, dann seiner Liebe endlich gewahr wird. Aufgrund der geschilderten Trivialität bleibt somit aber immerhin die Frage, warum dieses Werk noch heute den modernen Menschen so tief und nachhaltig anzusprechen vermag.

Als Schubert damals den Gedichtband Müllers bei seinem Freund Randhartinger zufällig in die Hand bekam, war er gebannt von dieser Dichtung. Er steckte den Band, ohne zu fragen, in die Tasche und als Randhartinger am nächsten Tag kam, um das Buch wieder zu holen, präsentierte ihm Schubert schon die ersten fertigen Lieder, die er noch in der Nacht geschrieben hatte.

Die Arbeit an diesem Werk fällt in die Zeit seiner ersten schweren Erkrankung, die ihn psychisch stark belastete, sodass in der Rolle des Müllers aus seinen Liedern noch heute sein Unglück und sein Elend sprechen. Ohne Frage ist es der Ausdruck des kompositorischen Genies Schuberts, das in der Charakteristik der Abfolge der Tonarten, im harmonisch-funktionalen Satz, in der unvergleichlichen kompositorischen Lieddramaturgie und im subtilen Feinsinn der musikalischen Gefühlsdarstellung, von der erfüllten Naturbetrachtung bis hin zum Wahnsinn, diesen Menschen, ja sich selbst, beschreibt.

Der ausführende Künstler hat glaubhaft in diese Rolle zu schlüpfen und durch seine Liedkunst diese Inhalte so zu gestalten, dass das limbische System, das Unterbewusste im Menschen, erregt und angesprochen wird.

Karriere scheint vorgezeichnet

John Chest, beherrscht diese schwierige Kunst. Er verinnerlicht, trägt nicht vor, sondern lebt die Rolle, empfindet mit dem Müller diesen Traum der vermeintlichen Liebe, die Ungeduld, endlich die Erwiderung dieser Liebe zu erfahren, die tiefe Enttäuschung, dass dieses Liebe doch keine Erwiderung findet, die Sehnsucht, die umschlägt in Eifersucht und psychotischen Hass auf die Farbe Grün und schließlich das Versinken in den erlebten Schmerz, in Tod und späte Hoffnung.

Und hier wiederum wirkt auch das nach, was man heute unter „Barihunk“ versteht: John Chest ist ein junger Mann, gut aussehend, mit überragender Stimme. Ihm nimmt man diesen großen Liebesschmerz wirklich ab, mit ihm leidet der Zuhörer und die Musik Schuberts wird so zu einem vollendeten Konzertgenuss. Die Karriere des amerikanischen Sängers John Chest scheint vorgezeichnet.

Wissenswert:

- Barihunk Wie die „Los Angeles Times“ berichtete, gibt es in der Oper neuerdings den Trend vom „Sänger“ hin zum „Barihunk“. Ein „Barihunk“ ist ein Künstler, der sowohl durch seine ungewöhnliche Sangeskunst wie auch durch sein Äußeres überrascht und überzeugt. Beschrieben wird damit ein Trend in der Musikszene, der den Künstler als ein „Gesamt“ sieht und der eine Rolle sowohl durch seine Kunst, wie auch durch seine Erscheinung überzeugend darstellen kann.

- Historie: Schuberts Liedzyklus „Die Schöne Müllerin“ fußt auf der Dichtung von Wilhelm Müller (1794–1827), die unter dem Namen „77 nachgelassene Gedichte eines reisenden Waldhornisten“ eine Folge von 25 Gedichten über die schöne Müllerin enthält. Der Inhalt dieser Gedichte bezieht sich – biografischen Quellen folgend – auf Müllers unerfüllte Liebe zur Dichterin Luise Hensel (1798–1876). 20 dieser Gedichte hat Schubert für seinen Liedzyklus verwendet.

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