
Verführung im Dreivierteltakt - Klavierabend mit Ingo Dannhorn in der Schulaula unterhält und berührt
Walzer beschwingt. Soviel wussten die Musikfreunde, die der Einladung des Kulturkreis Mertingen in die Schulaula gefolgt waren, längst. Doch dank des Klavierabends „La Valse. Kabinettstücke der Walzer-Klavierliteratur“ mit Ingo Dannhorn kennt das Publikum nun auch andere Facetten dieser Musikrichtung: Die charmant flirtende, die leidenschaftlich polternde, die zart berührende …
Mit Chopin fing alles an. Seine Grand Valse brillante op. 18 und 34/1 vermitteln Opernball-Stimmung – freilich nur, wenn sie technisch einwandfrei und zugleich voller Leichtigkeit interpretiert werden. Ingo Dannhorn gelang das und noch mehr: Der Regen, der laut auf das Schuldach prasselte, verschwand
dank seiner Spielkunst aus der Zuhörerwahrnehmung. Das Publikum tauchte ab in eine Welt der zarten „Darf ich bitten?“ und handfesten Eifersuchtsdramen.
Walzer, die Musik im Dreivierteltakt, die ab dem 18. Jahrhundert in Mode kam, erzählt ganz unterschiedliche Geschichten, diese teilte Ingo Dannhorn mit seinen Zuhörern. Franz Schubert zum Beispiel vermochte es, sowohl fröhlich-kecke als auch tieftraurige Walzerstücke zu schreiben – und Dannhorn trug gleich acht sehr unterschiedliche vor. Den Abend hatte er selbst, als Künstler und als Moderator, wie ein Meisterwerk komponiert: Lebhafte folgten ruhigen Klängen, bekannte Melodien unbekannten.
„Der ist aber nett“, schwärmten die Kinder im Publikum, von den Erwachsenen gab es Kommentare wie: „Dass so ein Talent in Mertingen auftritt, der kann doch ganz woanders spielen!“ Das tut Ingo Dannhorn ja durchaus. Er beginnt mit 5 mit dem Klavierunterricht, kommt mit 9 in die Hochbegabtenklasse des
Salzburger Mozarteums, gewinnt internationale Wettbewerbe und umrundet mit seiner Musik die Welt. Doch ob Sydney, Zürich oder, wie schon öfter in den letzten sieben Jahren, Mertingen auf dem Programm steht: Dannhorn gibt allerorts alles. Natürlich und charmant legte er den Zuhörern „seine“ Walzer
ans Herz, darunter der Augusten- Walzer und Lennox-Walzer von König Georg V. von Hannover; eher unbekannte Stücke.
„Mit fünf erblindete Georg V. auf einem Auge, mit 13 verlor er beim Spielen das andere, trotzdem hat er komponiert und regiert“ – einen interessanten König lernte das Publikum da kennen. War er in Lady Sophia Lennox, der er den gleichnamigen Walzer widmete, verliebt? „Niemand weiß, wer sie war“, informierte
Dannhorn, „aber es klingt schon sehr nach Tändelei.“ Tatsächlich: Zwei unterhaltsame, schöne Stücke steuerte König Georg posthum zum Abend bei und rundete das Porträt des Walzer damit ab.
Teuflisch gut und himmlisch zart
„Liszts Mephisto lehnt sich nicht an Goethes Faust an, sondern an Lenaus Faust“, berichtete Ingo Dannhorn. Und dass es in Liszts Walzer auch um eine Verführungsszene geht. Tatsächlich war das Stück nie leidenschaftlicher zu hören, kam der Wechsel von aggressiv-polternden und fein-verspielten Passagen bei Dannhorn sehr ausdrucksvoll zum Tragen. Und was wäre ein Klavierabend im Dreivierteltakt ohne Strauss’ und Grünfelds Kaiserwalzer und Strauss‘ und Schulz-Evlers „An der schönen blauen Donau“? Vertraute Melodien – doch in dieser Tiefe dürften sie wohl die wenigsten im Publikum bisher vernommen haben „Es war höchste Zeit, Ingo Dannhorn mal solistisch zu erleben!“, zog die Vorsitzende des Kulturkreises, Ulrike Hampp-Weigand, denn auch ihr Fazit. Als Begleitung großer Sänger (Francisco Araiza, Emilio Pons) überzeugt der Pianist schon lange – dass er auch allein verzaubern kann, weiß das Publikum
jetzt auch. Zum Abschluss des Konzerts gab es als 2. Zugabe Dannhorns eigene Interpretation von Piazzollas „Adiós Nonino“.
Wissenswert:
Beim Klavierabend „La Valse. Kabinettstücke des Walzers“ in Mertingens Antonius-von-Steichele-Grundschule informierte Kulturkreis-Vorsitzende Hampp-Weigand, dass Ingo Dannhorn Mertingen bald wieder beehrt: Am 22. September tritt der Pianist mit Bariton Gerardo Garciacano auf, beide haben
Gustav Mahler im Gepäck.
